Donnerstag, 15. November 2018

Nicht so dumm wie ich aussehe.

Ich hab einen Briefumschlag von meiner Universität erhalten. Dachte zuerst es geht um irgendwelche Änderungen über Beitragszahlung oder Einladung zur Weihnachtsfeier. Wollte es fast ungelesen wegwerfen.
Hab dann doch reingeschaut und einen Flyer gesehen: Bayrische EliteAkademie, 2 Briefe waren drin, hab die erste Zeilen von einem gelesen:

"Liebe Studentin, lieber Student,

Sie waren im letzten Semester unter den Besten in ihrem Studiengang. Dazu gratulieren wir Ihnen herzlich!", und es folgten hinweiße zur Bayrischen EliteAkademie.

Ok, wohl doch Werbung. Bekommt sicher jeder.
Hab den zweiten Brief angeschaut

"Sehr geehrte Frau Ebner,

Ihr Prüfungsamt hat ermittelt, dass Sie bei Ihren Prüfungen herausragend gut abgeschnitten haben. Dazu möchte ich Ihnen im Namen der Hochschulleitung ganz herzlich gratulieren.

Die Universität ermutigt Sie mit Blick auf Ihren Prüfungserfolg dazu, sich intensiv mit dem Thema Bayrische Eliteakademie auseinanderzusetzen und eine Bewerbung [...] zu erwägen."

Ich konnte es nicht wirklich glauben. Dachte immer noch an Werbung. Als ob ich, Dorfdepp vom feinsten, zu den besten im Jurastudium in München gehöre.
Ich hab meinen Freundinnen geschrieben: "Nein Amelie, das bekommen wirklich nur die 10% besten"

Was zur Hölle. Mein Herz hat plötzlich so unendlich geklopft, ich hab sogar meine Mama angerufen - und ich rufe eigentlich nie jemanden an - weil ich es ihr sofort sagen musste.
Ich, Amelie. Die in der Grundschule gesagt bekommen hat, sie soll doch bitte auf die Realschule gehen. Die auf dem Gymnasium zu hören bekommen hat, sie solle doch bitte vom Gymnasium runter. 2 Jahre verspätet Abitur gemacht, mit einem 2,0 Schnitt. Ich bin unter "den Besten".
haha. ich war noch nie unter den Besten. Wie geil fühlt es sich bitte an, für harte Arbeit belohnt zu werden. Ich verstehs noch immer nicht. Ich glaub auch ich hatte auch viel Glück mit Korrektoren usw. Aber ich glaube auch, ich hab mir einen Teil selbst zuzuschreiben. Und ich glaube ich bin zum ersten Mal in meinem Leben fast stolz auf mich.

Ich werde auf jeden Fall zu der Infoveranstaltung gehen. Leider kostet das ganze auch etwas. Nicht wenig. Aber so eine Chance bekomm ich nie wieder. Ich bin gerade auch bisschen überfordert damit. Ich hab noch nie von der Bayrischen Eliteakademie gehört. Mich noch nie damit befasst. Anscheinend hoffen alle, sie bekommen so einen Brief. Und ich Depp hab noch nicht mal davon gehört. Warum auch? Ich zähl mich was schule/Uni angeht immer zumuteten Drittel. Einfach weil ich da 11 Jahre (bis zur zehnten Klasse, hab die 8. ja zweimal gemacht -uppsi- und erst ab der zehnten Klasse wurde ich besser) hingehört hab.
Ich werde es einfach versuchen und mich bewerben. Da auf soziales Engagement geachtet wird, werde ich vermutlich eh nicht angenommen, weil ich leider noch nie etwas dahingehend gemacht habe. Vielleicht hilf mir mein Buch weiter. Und wenn wir bei dem Thema sind: Ich würde gern mehr für Inklusive machen. Aufklären. Also an alle GUTEN Vereine, die nicht verarschen, ich unterstütze euch gerne.
Zurück zum Thema. Ich bin fast stolz.
Und muss mich jetzt erstmal sammeln und mich genauer informieren. Ich fühl mich jetzt auch etwas unter Druck gesetzt. Ich will gut bleiben.
Ich halte euch auf dem Laufenden.

Wer mit dieser Akademie Erfahrung hat, kann mir ja auch gerne schreiben.









Samstag, 10. November 2018

Verein mit Behinderung

Ich bin mal wieder dezent aggressiv.
Ich denk mir immer: "Ok, das war jetzt der endgültige Höhepunkt. Schlimmer kann es nicht werden." Dann kommt eine Organisation daher und toppt sich selbst immer und immer wieder.

Wie kann man so ein inkompetenter Haufen sein?
Es macht so aggressiv.

Ich fang mal vorne an, wobei ich nicht weiß, was ich sagen darf, was nicht. 
Ich brauch eine Studienbegleitung. Und die muss bezahlt werden. Zum Glück leben wir in Deutschland und das wird zum größten Teil (monatlich hab ich einen bestimmten Betrag selbst zu zahlen) übernommen. So weit, so gut. Und dafür bin ich auch dankbar. Dass ich studieren kann. Dass jemand bezahlt wird, damit ich studieren kann. 
So. Jetzt muss das alles aber organisiert werden. Und da tritt der unnötige Verein hinzu, der nur Geld und Nerven kostet, ansonsten aber nichts kann. 
Ein Verein "für Behinderte". Der sich für behinderte einsetzt. HAHAHAHAHAHHAHAHAHAHA. Am Arsch. 
Nichts. Aber auch wirklich gar nichts bekommen die auf die Reihe. 
Studienbegleitung? Muss ich selber suchen. Grundsätzlich verständlich. Ich versteh, dass sich immer weniger finden, die Assistenz für Behinderte machen, gerade weil es keinen Zivildienst mehr gibt. Und daher such ich auch gerne jemanden. So dass ich jemand hab, der mir sympathisch ist. aber dass keinerlei initiative gezeigt wird, jemanden zu suchen? 
Begründung: Sie wohnen so weit außerhalb, da findet sich keiner. 
DIE WERDEN BEZAHLT! schwache Ausrede für Faulheit. 
Aber wie gesagt. Dass ich selbst suchen muss, weil sich in ganz München niemand findet, der den Job macht - gegen Bezahlung - ok.
Antworten auf E-Mails? Grundsätzlich eine Woche später. 
Wenn ich aufgrund von Krankheit einen Ersatz brauche ? Unmöglich
Ich ruf an: "Hallo, hier ist Amelie Ebner .." aufgelegt. ok. Danke. 

Mein Zuständiger Assistenzdienstleiter ist wie immer im Urlaub - Ich wende mich an die Stellvertretung - "Ihr Zuständiger ist 3 Wochen im Urlaub - versuchen sie es dann nochmal"

Ich muss in die Uni! Ich hab Klausuren! 
Den gesamten Dezember werde ich wohl nicht in die uni können. Meine Studienbegleitung hat Urlaub. Ersatz? gibt es nicht.
Und ich wette! es wird nicht einmal gesucht. Denn es gab keinerlei Rückfragen, von wann bis wann ich jemanden brauche. Es wurde keine einzige Frage gestellt, welche Hilfe ich brauche. Da frag ich mich, wie die jemanden suchen, wenn sie nicht wissen, was sie suchen. Verarsche. Komplette verarsche. Komplett unnütz Geldverschwendung. 
Das sind nur wenige Sachen. Jede Woche setzt diese Organisation einen drauf. Es ist so traurig. 
Ich frag mich, was Leute machen, bei denen es nicht um Hilfen bezüglich Uni geht, sondern um fürs Überleben wichtige. Leute die alleine sind und auf Hilfe angewiesen sind, für die eingekauft werden muss und zu denen die Woche keiner kommen kann, weil "5 Stationen S-Bahn fahren ist zu weit"

Ich bin jetzt schon 3 Jahre bei dieser Organisation. Jedes Mal die Frage "können sie nicht direkt zur Uni kommen, da könnte sie jemand abholen und begleiten"
ALTER! Ich brauche einen Begleiter, weil ich eben NICHT ALLEINE AUS DEM HAUS KOMME, GESCHWEIGE DENN ZUR UBAHN, GESCHWEIGE DENN ZUR UNI111!!!11!1
Mein Papa hat mich 3 Jahre jeden Tag zur Schule gefahren und abgeholt. Er ist über 70 und arbeitet! Wie wir , vor allem er, das geschafft haben, weiß ich im Nachhinein auch nicht. Nein! er kann mich nicht jeden Tag 1 Stunde zur Uni fahren und abholen. 
Man. Ich würde so gern so viel mehr erzählen, was da schon alles schief gelaufen ist, aber darf ich höchstwahrscheinlich nicht. 
Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, bekomm ich gestern eine Rechnung. 785 €. Bitte an uns überweisen. 
Für Praktikumsbegleitung. Auch längere Geschichte.  Ich bin seit 3 Jahren bei euch. Den größten Teil übernimmt der Bezirk. Ich hab sicher keine 785 €. Wie kommen die plötzlich auf die Idee, mir das in Rechnung zu stellen. Ich hoffe das klärt sich morgen auf. Natürlich kam der Brief Freitag morgen und natürlich war Freitag niemand mehr zu erreichen. Was zur Hölle. Einfach nicht zu verstehen. Man fragt, ob die Praktikumsbegleitung möglich ist, es heißt "Kein Problem" und dann sowas. 

Es ist so traurig, wie viel Geld mit uns gemacht wird, wie wenig im Endeffekt für uns gemacht wird und man sich im Endeffekt um alles selbst kümmern muss und die Fehler der anderen ausbügeln. 
Und die Organisation ist keine Ausnahme. ALLE Vereine, Organisationen, alles was mit Behinderten zu tun hat, ist so. So meine bisherige Einschätzung.
Mit uns kann Mans ja machen. 
Zum einen kann man alles so teuer machen, wie man nur möchte, denn wir kommen nicht drum rum einen Rollstuhl (5.000€+), ein Sitzkissen (900€+), einen Duschrollstuhl (600€+) zu kaufen. 
Apropos Sitzkissen: Mein Sitzkissen ist 5 Jahre alt. Sollte alle 3 Jahre erneuert werden - man sitzt jeden Tag drauf - Dekubitus ist das schlimmste, was dir als Rollstuhlfahrer passieren kann . Bekomm kein neues, weil ich den Rollstuhl selbst gezahlt habe. Logik, danke. Ich hab keine 785€, ich hab auch keine 900€. 

Es ist so anstrengend. So zum kotzen, wie schwer einem das Leben gemacht wird. Wenn ich mich "für Behinderte" einsetze, sollte ich doch Barrieren abbauen. Zumindest ihnen keine Steine in den weg legen. Die wissen, sie bekommen ihr Geld. Wenn dann jemand nichts zu essen hat, weil keiner einkaufen geht. Wenn jemand sein Studium nicht bewältigt bekommt, weil er Klausuren nicht mitschreiben kann. So What? Ich bekomm mein Geld, egal ob der jetzt jemand hat oder nicht. 
Inklusive schön und gut, ist aber kein Grund dumme, inkompetente Mitarbeiter einzustellen, liebe Vereine. 


Jeden Tag eine neue Dummheit. Es ist so ermüdend. #wie einfach es wäre, sich um nichts Gedanken machen zu müssen. Als normaler Student in die Uni zu fahren. Unabhängig. Keine 785€ Rechnung zuhause auf einen wartend, weil ein Verein wieder verkakt hat. 
Da geht das ganze Geld hin. Ich bezahle monatlich 40 € dafür, dass ich mich selbst kümmern muss, selbst organisieren, allem hinterherlaufen und zum Schluss bin ich die Dumme. 40€ zahle ich gerne, wenn ich dafür jemanden hab, der mich begleitet. 40€ im Monat sind viel, wenn man nichts verdient. 40€ tun weh, wenn man sie zahlt, für eine Organisation, die ein scheiß dreck macht. 















Montag, 29. Oktober 2018

Du kommst mit 30 heim

Und auch wenn ich mein Staatsexamen nicht schaffe,
 ist das nur ein weiterer Punkt auf der Liste von Dingen, 
die ich nie schaffen werde.
Aber die Liste ist lang, und 6 Jahre zu studieren 
um am Ende keinen Abschluss zu haben ist das kleinste Übel. 
Stell dir vor du kommst mit 30 nach Hause und kannst dir alleine nichts zu essen kochen. 
Stell dir vor du kommst mit 30 heim und 
kannst nicht schnell in deine lieblingshose springen.
Aber sich an solchen Dingen aufzuhängen bringt dir auch nichts. 
Wenn du weiter drüber Nachdenkst
 willst du sonst eben das tun. Dich aufhängen. Aufgeben. 
„Ich könnte das nicht“
Ich kann’s auch nicht, aber welche andere Möglichkeit hab ich?
Mich Aufhängen, mich aufgeben. Die Gedanken kommen unerwartet.
 Auf dem Heimweg in der Ubahn fällt dir auf, 
du wirst mit 30 nach Hause kommen und dir nicht alleine dein Essen kochen können. Wirst nie so sein, wie du sein wolltest 
und es wird nie so sein, wie du es dir als Kind erträumtest. 
Du willst schreien. Aber wohin? Gedanken verdrängen. 
Du verdrängst so viel, du weißt schon gar nicht mehr wohin mit den Gedanken. Aufgeben. Aufhängen. 
Nach Jahren stirbt auch irgendwann das letzte bisschen Hoffnung. Der letzte Optimismus. Wird zum Realismus.

Und du weißt: du kommst mit 30 heim und kannst dir alleine nichts zu essen machen. 

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Idiot - sry, war nett gemeint.

Fazit nach 4 Wochen E-Mail veröffentlichen.

Mein Fazit nach 4 Wochen E-Mail veröffentlichen:
- ich hasse Menschen
- Menschen sind nervig und dumm
- Menschen haben zu viel Zeit
- ich hasse Menschen.


Im Ernst. Was zur Hölle ist los mit den Menschen.  Mir war von Anfang an klar, dass nicht nur Anfragen kommen werden. (Welche mich gefreut haben! Und die ich mit Freude beantwortet habe). Dann auch wenige liebe Nachrichten, die mich sehr gefreut haben. Aber größtenteils genau solche Nachrichten, die ich eben nicht wollte!
"Schreib doch mal auf Facebook zurück"
"schau mal auf Instagram"
Junge. Wenn ich nicht antworte, hat das zumeist einen Grund. Ich bin nicht interessiert an Internet Bekanntschaften. Nur weil jemand mich sympathisch findet muss das umgekehrt nicht das selbe heißen. In seltenen Fällen überlese ich zwar tatsächlich Nachrichten, aber mit Verlusten ist eben immer zu rechnen.

Und dann. Dann hat mich die Ober-Spezialisten Nachricht erreicht.
Die E-Mail ist ein Paradebeispiel. Paradebeispiel dafür, wie man eine E-Mail schreibt um mich maximal abzufucken.
Ich hab ernsthaft meinen Kumpel gefragt, ob er diese geschrieben hat, um mich zu verarschen.
Weil die Mail beinhaltet einfach ALLES, was ich hasse.
Ich will mal chronologisch vorgehen:

"Frau Ebener" (allein den Namen falsch geschrieben. )
der Verfasser steigt ein mit Namen und zeigt erstmal auf, wo man mehr über ihn lesen kann.
- mhm. Interessiert mich voll. Was ein X macht.

es folgt: sie haben "ein interessantes Buch veröffentlicht [...], im Wesentlichen zur Verarbeitung"
- man. Mein Buch ist nicht primär zur Verarbeitung gedacht. Ich hasse Hobby-Psychologen. Ich habe geschrieben, weil angeboten wurde und um Leute zu informieren. Aber gut, wenn andere immer besser bescheid wissen.

Dann kommt das erste nette: ich hätte mich hochgekämpft und anderen Mut gemacht.
- man hätte das stehen lassen können und den gesamten Rest löschen.

ok. dann folgt der erste grobe Fehler:

"Wenn man die Forschung zur Querschnittslähmung  „querliest / überfliegt“  fallen viele teilweise nicht-zusammenhängende „Projekte“ auf, von denen eines – wie ich es verstanden habe – bereits querschnittgelähmte Mäuse ans Laufen gebracht hat und zwar durch das Zusammenwachsen des Nervenstrangs (wichtig). Ebenso ist man bei höher entwickelten Lebewesen weiter auch insbesondere mit der Stammzellenforschung, die eigene Organe regeneriert sowie in der Bionik – beim Grotten-Olm regenerieren sich alle Körperteile.  In den meisten europäischen Ländern jedoch mit „unnötigen rechtlichen Forschungs-Barrieren“ "

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Es gibt NICHTS schlimmeres, als diese verfickten Verweise auf die Mäuse, die wieder Laufen können.
Menschen, die ankommen und sagen "hast du gewusst, dass Mäuse wieder laufen können"
"hast du das mit diesem Roboter gewusst? Mit dem können Querschnittgelähmte wieder laufen".
Neeeeeein. Wirklich? Ich, als Querschnittgelähmte, hab davon noch nie gehört! Ja dann, auf ins Labor zu den Mäusezüchtern und ab gehts.
Es ist so nervig.
Leute die zum ersten Mal googeln "Querschnittlähmung heilen" und dir dann Tipps geben.
Wo ist das Problem? Mäuse können doch wieder laufen? Warum stellt ihr euch so an? Ist doch alles easy. In 10 Jahren gibts keinen Querschnitt mehr.
Kotz.

ok. also hier schon mal ins Aus geschossen.
und dann die Krönung:

"Hinsichtlich  Ihres Jura-Studiums  wäre es [...] eine zielgerichtete Orientierung – ja vielleicht sogar eine Lebensaufgabe, sich mit internationalen Gesundheitsrecht / Medizinrecht zu beschäftigen. Und zudem die „Insellösungen“ der weltweiten Forschungsprojekte zur Querschnittslähmung -  zu integrieren bzw. zusammen zu führen – als Juristin mit o. g. Spezialisierungsrichtung wie es eine Moderatorin / ggfs. Mediatorin tut, um das bereits vorhandene Wissen „scharf zu fokussieren“."

Alter.
Es gibt noch mehr nicht schlimmeres, als mir zu sagen, was das beste für mich wäre.
ICH HASSSSSSSSSSSSE ES. Haben solche Menschen irgendwie kein eigenes Leben, das sie sich selbst verbauen können und so leben können, wie sie es wollen? Ich versteh solche Menschen ums verrecken nicht. Null. Tipps? Ok, lass ich mir eingehen. Ungefragt auch eher ungern, aber gegen gute Tipps ist nichts zusagen. ABER anderen sagen, was sie machen sollen....
Schnauze. Einfach Schnauze halten. Wie wäre es, wenn sich jeder einfach um seine eigene scheiße kümmert?
Ich weiß, viele denken jetzt, ich soll nicht so überreagieren. "Ist doch nett gemeint"
Nein. Bei mir rührt sich da innerlich was. Tiefsitzender Hass. Hass gegenüber menschen, die einen Vorschritften machen. Woher das kommt? Die Hobbypsychologen unter euch sind gefragt (bitte keine Email an mich). Es ist einfach so, dass ich mit nichts weniger klar komme, als mit solchen Menschen.
Schon in meiner Kindheit gab es einen Mann (definitiv nicht mein Papa! der ist das komplette Gegenteil!), der bestimmen wollte. Der "wusste was das beste ist". Und schon da hab ich mich aufgelehnt.
Zurück in der Schule: "Amelie, geh doch auf die Behindertenschule" (erinnert ihr euch?). Ich schon vor Wut geheult: "Nein, ich bleibe hier". Das ist so ein Erlebnis, das ich nie verarbeiten werde. Nochdazu, weil ich in dieser Situation "unterlegen" war und hätte tatsächlich abgeschoben werden können, wäre das so gewollt gewesen.
Aber grundsätzlich dieses Bevormunden. Dieses "ich weiß was das beste für dich ist"
Wie wärs mit: fresse halten und sofort aus meinem Leben verpissen.
Ich hab kein Platz für solche Menschen.
Ich kann zum Glück denken. Und selbst Entscheidungen treffen.
Eigentlich hatte ich vor nächstes Jahr Medizinrecht als Schwerpunkt zu wählen. Aus Interesse und ganz egoistisch, weil ich mir für mich persönlich Vorteile erhoffe, wenn ich Sozialrecht höre und den Kassen mit Paragraphen entlegenen kann.
Aber nachdem mein Kumpel (dem ich die E-Mail gleich gezeigt hatte) und ich dieser E-Mail gelesen  haben, hat er mich nach kurzer Zeit angesehen, mein grüblerischen Gesichtsausdruck gesehen und direkt gesagt: "du denkst jetzt nicht ernsthaft darüber nach einen anderen Schwerpunkt zu wählen, nur weil der das jetzt geschrieben hat"
dazu muss ich sagen:
1. scheiße. Freddie kennt mich besser als ich selbst mich.
2. Ja. Einfach ja. Ich hab kurz darüber nachgedacht. einfach weil mir das "vorgeschrieben wurde". Ich glaube das zeigt eindeutig, wie sehr ich Vorschriften hasse.
Mit etwas klareren Gedanken hab ich das natürlich sofort verworfen. War dumm. Aber so denk ich eben.
Wenn jemand will, dass ich etwas nicht mache, einfach das als Vorschrift formulieren.
"Schatz, hab heute keinen Sex mit mir"

Man. Kümmert euch um euern eigenen scheiß. Denken sich solche Leute tatsächlich "Ah, Amelie studiert Jura. Sie sitzt im Rollstuhl. Ich muss ihr unbedingt sagen, dass sie sich mit Medizinrecht beschäftigen soll."

Wo wir schon beim zweiten Ding wären, was ich aber auch schon mal angesprochen hab:
NUR WEIL ICH IM ROLLSTUHL SITZE MUSS ICH KEINE ANWÄLTIN FÜR BEHINDERTENRECHT WERDEN111!11!! VERFICKTE SCHEIßE. ICH MUSS MEIN LEBEN NICHT AN DEN ROLLSTUHL ANPASSEN (nichtmal von meinem Querschnitt lass ich mir Vorschriften machen) ICH MACH WORAUF ICH BOCK HAB1!!
Dass ich ein Empathieloses Arschloch bin und im Sozialrecht wohl eher schlecht aufgehoben wäre wird verkannt.  Nein. Behindert, also muss ich Behindertenanwältin werden.
Als Scheidungskind wird man schließlich auch Scheidungsanwalt
und Jeder Ausländer mach Asylrecht.
Wo wären wir, wenn es anders liefe?

Man. Nervt mich sowas. Könnte mich stunden weiter aufregen.

Ja. mich nerven solche Sachen einfach. Weil es immer menschen gibt, die sowas ernst nehmen und ihr leben danach leben, wie es andere für sie wollen.
Kümmert euch einfach um eueren eigenen Scheiß. Geht anderen nicht auf den Sack und die Welt wird besser.
"Aber Amelie, es war doch nett gemeint"

Weil etwas nett gemeint ist, muss ich es nicht mit offenen Armen empfangen. Nett gemeint kann immer noch scheiße angekommen sein.
Idiot - sry, war nett gemeint.



Über die anderen Nachrichten hab ich mich trotzdem gefreut. Aber viele ;menschen haben wirklich kein eigenes leben.
















Montag, 1. Oktober 2018

from heels to wheels?

Mode und Rollstuhl.

Dass Rollstuhl nicht automatisch heißt, weiße Gesundheitslatschen und weite Schlaghosen anzuziehen dürfte hoffentlich bekannt sein. Wenn nicht: schaut auf meinem Instagram vorbei (amelieebner). Dass es aber auch nicht so ganz einfach ist Mode und Rollstuhl zu verbinden, will ich euch nun mal erklären. 

Im Vergleich hat sich zu meinem Stil vor meinem Unfall und dem jetzigen einiges geändert. Natürlich hab ich mich style-technisch verändert. Der Style einer 21 jährigen ist dann doch nicht mehr der einer 17 jährigen. (Auch dank meinem Studium. Ich hab es nicht für möglich gehalten, aber man rutsch tatsächlich schnell in die Schiene „Schau mich an, ich trage Hemden unter mein Baumwollpulli“ ab. Meinen Vans bleibe ich aber nach wie vor treu. (bestes je getätigte Wortspiel))

Naja. Jedenfalls musste ich mich nach meinem Unfall von ein paar Sachen verabschieden. Dazu zählten zum Beispiel Jeans mit dicken Gesäßtaschen oder gar Knöpfen am Arsch. Warum? Druckstellen! Auch einige Schuhe kamen weg. (WURDEN WEGGEKOMMEN!) „Schuhe müssen mindestens 2 Größen größer gekauft werden“ (Warum weiß ich bis heute nicht), meine Mutter also los und mir lauter Schuhe in 41 geholt. Jedesmal gefühlt wie ein Clown. Mittlerweile konnte ich auch sie wieder überzeugen, dass das unnötig ist und scheiße aussieht und ich so meine alten Schuhe wieder anziehen durfte. Zumindest das, was davon übrig war. Auch Kleider und Röcke kamen vorerst (!!) nicht in Frage, weil viel zu unpraktisch. Das Stilmotto in der Zeit kurz nach meinem Unfall lautete: Leggins, Jogginghosen, Turnschuhe (in Größe 41 natürlich) und T-Shirts. Wie auch sonst in der Reha? Es folgte der traurige Versuch nach der Reha mich in meine alten Klamotten zu kämpfen, in der Hoffnung es würde genauso sitzen und aussehen wie früher. Es war nicht so, nur wollte ich es da noch nicht so wahrhaben. Ich hab noch immer Dinge gekauft, ohne drüber nachzudenken, einfach weil sie mir gefallen haben, das Model im Online-shop gut damit aussah und ich dachte so würde es bei mir auch aussehen. Ich war naiv und hatte noch zu wenig Ahnung und Erfahrung mit Rollstuhl. 5 Jahre später hab ich nun Erfahrungen sammeln dürfen/müssen. Ich weiß jetzt, dass das was bei einem Model gut aussieht, nicht immer auch an mir gut aussieht und ich weiß, dass nicht alles was im stehen gut aussieht auch im sitzen gut aussitzt. Ich lerne noch immer dazu.
Worauf es ankommt? Ich versuche zu erklären. 
Und dafür will ich erst beschreiben, warum manches im Rollstuhl nunmal einfach scheiße aussieht und dann auf die praktische Komponente eingehen. Warum Mantel, Röcke, kurze Hosen, Sweatshirt Jacken, Handschuhe, BH’s unpraktisch sind und ich dankbar bin, dass High-Waist-Hosen gerade in sind. 

Erstmal zum äußeren. Im sitzen sieht man nun mal einfach anders aus als im stehen. Zum Beispiel sieht man den Arsch nicht. Und mein Motto war immer „Who needs big tits, when you have an ass like that“.  Momentan sieht man nichts von beidem. Zum anderen ist der Bauch nicht so gestraft wie im stehen. Und das kennt auch jeder. Nur irgendwie stellen die Menschen die Verknüpfung nicht her, weil sie einen Rollstuhlfahrer nicht mit einer sitzenden Person vergleichen, sondern mit einer stehenden. Versteht ihr was ich meine? Wenn ich enge Sachen anhabe, sieht das den ganzen Tag um den Bauch herum nicht so flach aus (Um es nett zu umschreiben). Bei laufenden nur wenn sie sitzen. Und irgendwie genau das verstehen die Leute nicht. Es liegt nicht unbedingt, dass Rollstuhlfahrer fett sind, sondern an der Anatomie des Menschen. Und darauf ist eben zu achten. Nicht alle Figurbetonten Kleider und sonstiges sehen immer gut aus. 
Als nächstes Jacken und Pullis. Dadurch, dass man sitzt, wölben die sich gerne auf und schon wieder sieht man fett aus. Die dürfen also nicht zu lang sein. Ich hab mir letzte Woche (das erste Mal mit meinem eigenen Geld) eine Jacke gekauft, und die war wie gemacht für mich. Die war genau so lang, dass sie sich nicht aufwölbt, und trotzdem lang genug um alles zu verdecken, schön eng anliegend mit einem Gürtel, der die Figur an der richtigen Stelle betont. Mit meinen alten Jacken hab ich mich immer wie ein Sitzsack gefühlt. So aufgewölbt und unförmig. Aber die Jacke ist echt perfekt!

Was auch gefährlich ist, sind Dinge, die schnell „behindert“ aussehen. Sorrynotsorry. Meine Schwester wollte ihre weißen Adidas Sneaker loswerden. Bei ihr sahen sie gut aus, also ich sie anprobiert und schon sahen diese coolen Sneaker aus wie Gesundheitsschuhe. Im Rollstuhl muss man (muss man nicht, aber ich wills) besonders darauf achten, was man anzieht, weil alles einen schnell ( ich weiß nicht wie ich das formulieren soll ohne direkt so gemein zu klingen, aber gerade heraus ist halt manchmal einfach nötig), weil alles einen Schnell zu einer Klischee-Behinderten macht. Also keine weißen Schuhe, keine Halstücher, keine Lammfelldecken. Leute, lernt mal, dass so keiner rum fährt. Und wenn, dann würden dies auch als Fußgänger tragen. Woher kommt dieses Bild. 

Zu Hosen. Hosen bestell ich nur in Slim-Fit. Die Zahnstocher schlackern darin sonst rum, wie sonst was. Und ich persönlich trag nur enge Hosen.  Jedem das seine, klar. Ich find enge Hosen schön. Allein deswegen schon keine Rolli-Moden-Hosen. Das sind gefühlt nur Schlaghosen vom andern Stern. 
„Ok, trägt sie halt normale Hosen. Wo ist das Problem? Hab mich schon immer gefragt, warum es spezielle Rolli-Hosen gibt.“ Werden sich jetzt manche denken.
Und ja. Hab ich mir auch gedacht. Deswegen ab in meine alten Hosen. Zumindest die, ohne Hosentaschen und Knöpfen am Arsch. Angezogen, alles schön und gut.
In den Rollstuhl gesetzt. „Ja, passt doch“. Dacht ich mir noch. 
Problem: Maurerdekoletee vom feinsten. 
Normale Hosen sind im sitzen am Arsch viel zu kurz! Sieht nicht nur scheiße aus, führt auch zu Nierenverkühlung. 
Ich kann Hosen im sitzen nur schwer hochziehen. Dauernd die Hose hochziehen zu müssen ist anstrengend. 
Nur ich hatte Modetechnis glück. Zu der Zeit wurden High-Waist-Hosen wieder in. Also Hosen mit hohem Bund. Und die sind meine Rettung. 
Ich kauf nur noch Hosen mit hohem Bund. Muss mir keine Sorgen machen, dass sie runter rutschen, meine Unterwäsche wird nur noch von mir auserwählten gesehen und meine Nieren bleiben warm. 
Noch dazu sind manche am Bauch eng, was sich extrem gut auf meinen Kreislauf auswirkt. Fragen sie ihren Arzt oder Google warum.
Ohne High-Waist geht wirklich nichts mehr bei mir. 
Noch ein Tipp:
Ich bin mit 1,70 nicht extrem groß, aber im sitzen mit immer angewinkelten Beinen, rutschen Hosen auch am Bein gerne mal hoch.
Wenn ich nicht gerade eine Hose will, die über dem Knöchel endet, nehm ich immer „tall“, d.h. für große Menschen. Die passen dann auch von der länge perfekt. 

Zu kurzen Hosen: Mit nackten Oberschenkeln den Transfer zu machen (also Rollstuhl<->Bett; Rollstuhl<-> Auto) sind Kratzer vorprogrammiert. Zumindest bei mir. Aber auch Zahnstocher möchten braun werden, daher muss ich das eben in kauf nehmen und/oder mir helfen lassen. Eine Lösung hab ich hierfür nicht wirklich. 

Röcke und Kleider im Rollstuhl klar möglich. Kurze in Kombination mit hohen Schuhen aber eher schwierig. Kann man sich ja denken, wo da die meisten Blicke hinwandern. 
Apropos Blicke hinwandern.: Bei Unterwäsche gibt es grundsätzlich keine Besonderheiten. 
Anfangs hatte ich mit BH’s probleme. In Sekunden den BH hinter dem Rücken schließen ist nicht hab ich schnell gemerkt. 
Aber dazu hab ich eine einfache Lösung gefunden: 
BH schnalle erst zu machen, dann BH über den Kopf - einfach wie ein T-shirt – anziehen. Und das ist einfach Tetra-Leben at it’s finest. Andere Wege finden.
Zwar gehen meine BHs so schneller Kaputt, weil sie einreißen, wenn ich sie über meinen fetten Schädel und breite Schultern ziehe. Aber auch das ist Tetra-Leben. Man muss lernen mit Verlusten zu Leben. 

Handschuhe. 
Handschuhe sind das am schwierigste und unpraktischste zum Anziehen überhaupt.
Als Tetra. Ohne Fingerfunktion. Möglicherweiße noch mit nur eingeschränkter Fingerfunktion. 10 kleine Finger, versuchen irgendwie in 10 mini-löcher zu bekommen. Viel Spaß.
Alleine ist eine Hand vielleicht möglich. Dann sitzt du da. Eine Hand funktionsunfähig vor dir. Die andere im Handschuh. Am funktionsunfähigsten. 
Aber zum Glück braucht man als Rollstuhlfahrer keine Handschuhe. Die Hände können ja immer in wamren Taschen bleiben. Man muss ja nicht den Rollstuhl mit ihnen antreiben, dessen Räder sich durch den Schnee ziehen, womit dir Greifreifen eine Temperatur von -1000 Grad haben. Das wäre ja ziemlich blöd. 
Meine Lösung bisher: 
- trotzdem irgendwie in Handschuhe kämpfen. (mit Grip, sonst kann man das antreiben vergessen)
- Fäustlinge. Viel einfach. Aber unpraktisch zum fahren, weil sie meist zu locker sitzen zum Rollstuhl antreiben und vor allem sind die nutzlosen Tetra-Händchen dann am nutzlosesten. 

Schuhe. Auch bei Schuhen ist grundsätzlich alles möglich. Am besten ist alles mit Reisverschluss oder Schuhbändern. Alles was man weit öffnen kann, damit man schön hinein kommt. Denn man kann ja schlecht den Fuß anwinkeln, oder druck geben. Deshalb komm ich in Schuhe mit hohem Schaft ohne Reißverschluss überhaupt nicht rein. Ganz klar ist auch hier auf Druckstellen zu achten. 
Ich persönlich kann mit Schuhen, die nur locker am Fuß sitzen, nichts anfangen, weil ich die immer verliere. Also Ballerinas (die ich noch nie ausstehen konnte, wie können Frauen damit laufen? Ich bin mit den Dingern immer gewatschelt wie ein Pinguin!), Flip-Flops, Pumps und Co fallen weg. 
Ich persönlich liebe Sneaker und Boots. Aber ich liebe auch hohe Schuhe. Und auch Schuhe mit Absatz sind möglich.
Man muss nur bedenken, dass mit höherem Absatz, auch die Knie weiter hoch kommen. (Stellt euch im sitzen mal auf euere Zehenspitzen). Dadurch kann man manchmal Probleme bekommen unter Tische zu kommen, weil die Knie hängen bleiben und auch der Schwerpunkt verlagert sich. Aber alles machbar. Bei zu niedrigem Tisch einfach die Füße vom Fußbrett nehmen und vorne runterhängen lassen. 

Nicht für alles gibt es eine Lösung. Aber für vieles findet man welche. 
Was für den einen funktioniert, muss für den anderen nicht automatisch funktionieren.
Man muss herausfinden, was für einen selbst funktioniert. Wie immer im Leben.

Aber nur, weil man im Rollstuhl sitzt, heißt das eben nicht, dass man nur karierte, weite Hosen, weite Lammfell-Hausschuhe und Regencapes tragen muss. 

From heels to wheels? 
No – Ich sage: heels with wheels.

Dienstag, 4. September 2018

ebner.amelie@gmx.de

übrigens hab ich hier jetzt eine E-Mail angegeben. Also falls sich endlich mal ne Firma erbarmt mit mir ne Kooperation zu starten, Ich bin bereit. 
Werbung für Laufschuhe käme hier bestimmt gut an. Gerne kann sich auch meine Krankenkasse für einen Image-Film melden- wäre bestimmt authentisch.
Im ernst: 
Bin etwas beleidigt, dass ich noch keine Kooperationen hab und noch keinen coolen, neuen Rollstuhl testen durfte. Außerdem bin ich noch immer arme Studentin ohne Nebenjob. 

Gern aber auch alles andere. Wollte mal aktiver werden und mich irgendwo einsetzen. Zu bieten habe ich ein wenig Reichweite und vor allem mich. 

Aber bitte wirklich nur Anfragen und co. Ich weiß, dass es wieder jemanden geben wird, der das jetzt nicht versteht/liest und mir schreiben wird um unnötige Fragen zu mir/meinem Leben/ meiner Versicherung ("Wer ist denn der Kostenträger für die Reha" und co.) zu stellen, aber bitte lasst es einfach. 
Ich weiß, das kommt jetzt wieder abfällig und ich wollte eigentlich netter sein, weil nettere Menschen beliebter sind, aber kann ich wohl einfach nicht. Also halt ehrlich. Und es ist nicht abfällig gemeint, denn: 
Ich beantworte Fragen gerne, aber eben im Rahmen von meinem Blog. Einzelnen Personen kann ich oft nicht antworten, weil es mir a) zu anstrengend ist und ich vor allem b) selbst keine Ahnung hab wer wofür zuständig ist. Vielleicht schimpfe ich mich irgendwann "Anwalt für Sozialrecht", dann kann ich solche Fragen auch beantworten, aber jetzt nicht. 

Haha, jetzt fühl ich mich schon wieder so arschloch-haft. ab jetzt werde ich seriös und mach auf Profi-blogger und immer nett. Vielleicht klappts dann. 
ne. lieber nicht. 
lieber ich - ohne Partner und Kooperation. 

#selbstmarketingistausbaufähig

Mittwoch, 29. August 2018

Jeder Tetra braucht einen Tetra.


Zurück von der Reha. Schon seit 14.8. und ich bin noch immer höchst motiviert. Ich trainiere eigentlich jeden Tag mindestens eine Stunde aktiv. Nach der Reha bin ich extrem aufgebaut und angespornt. Vor allem, die bösen inkompletten wieder Läufer tragen dazu bei. Ich denk mir jedes Mal: "Nächstes Jahr Leute! Nächstes Jahr bin ich auch soweit!"

Ja. Letztendlich sitze ich dann doch wieder da und denk mir "Mist, schon wieder nicht genug trainiert"
Was Blödsinn ist weil (und jetzt schreibt euch das hinter die Löffel!!!!) :
Du kannst so viel trainieren wie du willst, wenn das Rückenmark durch ist, ist es durch!
Wenn ich schon den Satz höre "Sie wollte unbedingt, hat gekämpft und trainiert und jetzt kann sie wieder laufen"
NE! bullshit. Ihr Rückenmark war nicht komplett durchtrennt oder Nerven haben sich regeneriert, sie hat hart trainiert, wollte unbedingt und hat gekämpft und jetzt kann sie wieder laufen.
Ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen will:

Reha baut unheimlich auf
Man bekommt knallhart vor Augen geführt, dass man noch immer nicht zu denjenigen gehört, die am Rollator trainieren.
Das ,ach im ersten Moment traurig. wütend. verzweifelt.
Aber. Man muss nur wissen was man damit macht. Alles in Motivation umwandeln.
"the fact that you aren't where you want to be should be enough motivation"
Und ich bin noch nicht da, wo ich hin will. Ich werd vermutlich nie sein, aber ich komme dem immer einen Schritt näher. Und so bin ich hoch motiviert mit so viel Trauer, Wut und Verzweiflung, die in Kraft und Willen umgewandelt sind, dass ich nen Marathon laufen könnte.

Was aber für mich jedes Mal schlimm ist und ich jedes Mal zu kämpfen und erst einmal zu verarbeiten habe:
Frischverletzte zu sehen.
Mein Herz blutet und ich muss sagen: Leute, ich versteh euch so langsam. Ich versteh warum ihr so Mitleid mit mir hattet.
Es tut weh. Zu sehen, wie ein frisch verletzter Tetra da sitzt. In einem Körper, den er nicht versteht. In einem Stuhl, der hinten und vorne nicht passt. Mit diesen schwarzen Tetra Handschuhen. Mit diesen nutzlosen Fingern, die man nicht einzusetzen weiß. Vor der Kaffeetasse. Wütend, dass sie leer ist. Überlegend, wie man den Kaffeeeinschenken soll. Mit der Tetra-hand (eine geballte Faust) zur Kaffeekanne langt. Mit beiden Händen die Kanne anhebt. Wieder abstellt, weil es keinen Sinn hat. Die Kanne ist noch immer zu. Sie müsste noch gekippt werden. Der Knopf zum öffnen gleichzeitig gedrückt werden, während man die Kanne kippt. Sie ist schwer. Zu schwer, ich könnte mein Gleichgewicht nicht halten. Überlegend, wie man den Kaffee jemals einschenken soll. Wie man jemals ohne Hilfe irgendwas machen soll. "Kannst du mir ein Kaffe einschenken?". Eine Frage, die Überwindung kostet.
Vor der gefüllten Tasse sitzt. Zu voll eingefüllt. Soll Ichs versuchen? Wenn ich sie anhebe, werd ich alles verschütten. Irgendjemand wird meine Sauerei aufwischen müssen. Ich werd mir den heißen Kaffee über die Beine schütten. Soll ich nach einem Strohalm Fragen? Das wäre schon sehr peinlich. Es wäre mir peinlich. Alle wüssten, dass ich die Tasse nicht anheben kann. "Kannst du mir bitte einen Strohalm geben?". Ich will doch einfach nur meine Tasse anheben können.

Ich seh diese Gedanken. Ich seh mich dort sitzen. Innerlich am verzweifeln, wütend schreien. Nach außen nach einem Strohalm fragen.
Ich seh die Frischverletzen und ich seh, mich. Ich seh, wie verloren sie in ihrem Körper sind. Ich seh den Weg der vor ihnen ist. Ich sehe dieses "Wie soll ich mir jemals wieder selbst Kaffee einschenken können?"
Ich setz mich an den Tisch dazu. Nehme mir eine Tasse. Nehme mir eine Kaffeekanne. Stütze mich mit den Ellenbogen am Tisch ab. Geh mit der rechten Hand in den Henkel, sodass meine Hand zwischen Kaffeekanne und Henkel ist. Hebe die Kanne schräg über der Tasse an, drücke mit der linken Handfläche den Knopf zum Öffnen der Kanne und schenke mir Kaffee ein.
Halb voll. Nehme die Tasse, indem ich meinen Daumen in den Henkel hake und trinke.

Ich hab ganz vergessen, dass ich das nicht konnte. Dass ich mir nicht vorstellen konnte es je wieder zu tun.
Man selbst sieht die eigenen Fortschritte nicht. Ich seh meine Fortschritte nicht. Aber ich bin verdammt weit gekommen. Und das wurde mir dieses Mal wieder klar.

Und mir wurde etwas gesagt.: Amelie, du bist ein Vorbild.

Ich muss ehrlich sagen, ich hab das immer nicht ernst genommen. Hab mir immer gedacht, die Leute sagen das, weil man es einfach so sagt. Warum sollte ich ein Vorbild sein?
Aber ich hab drüber nachgedacht. Und ich wurde auf Reha oft gefragt "Wie machst du das?", "Kannst du mir Tipps geben"
Und Leute. Fuck. Ich glaub ich bin ein Vorbild. In dem, was ich (ich muss es jetzt leider sagen, ich werde es bereuen!:) trotz Querschnitt geschafft habe. Was ich trotz hohem Querschnitt kann.
Und das ist nicht selbst verständlich. Ich sehe auch immer viele hohe Querschnitte, mit ähnlichen und mehr Funktionen, die weniger können als ich.
Und ich bekomm gesagt "du bist unglaublich fit für deine höhe".
Und es stimmt. Ich bin fit. Weil: ich will. weil ich trainiere, weil ich kämpfe. Weil ich mit den Funktionen, die ich hab, umzugehen versuche. Ausprobiere und auch nach dem fünfzigsten Mal nicht aufhöre, es zu versuchen.
Es gibt zwei Möglichkeiten: verkriechen, helfen lassen und geschehen lassen. Oder trainieren. Selbst versuchen und nicht aufgeben.
Ich hab als Frischverletzte anfangs nur die ersteren gesehen.
Ich hab oft gehört: "Ne, als Tetra kannst du das nicht"
Hab oft "kannst du mir den Kaffee einschenken" gehört, von alteingesessenen, die sogar etwas Fingerfunktion hatten.
Hab gesehen, wie fit die Paras sind.
Ein Spruch, den man auf Reha immer hört: Jeder Tetra braucht einen Para. Einen Para, der einem eben bei Sachen wie Kaffee einschenken hilft.
Und ich dachte mir: Nein. ich will das auch können.
Und dann kam ein junger Mann nach Bad Wildbad. Ich nenne ihn mal Dominik, 35.
Tetra. Kein Trizeps. Steigt ohne Rutschbrett ins Auto, verläd seinen Rollstuhl selbst. Isst ohne spezielles Essbesteck, schenkt sich Kaffee ein.
Der hat mich angeheizt. Vielleicht manchmal überfordert "Wie du kannst das nicht?"
Ja, du sitzt 15 Jahre, ich muss erstmal meinen Körper kennen lernen.
Aber letztendlich hab ich gesehen was alles möglich ist. Und dass Tetra nicht heißt, für immer Kaffee einschenken lassen.
Und ich glaube, ich bin nun auch zu einem solchen Vorbild geworden. Und ich würde sogar behaupten, ich bin ein verdammt gutes Beispiel. Zumindest wenn es darum geht, was man alles noch kann.


Ich seh die Frischverletzten und bin traurig. Seh, wie sie die unnützen Hände versuchen einzusetzen. Seh, was Sie noch vor sich haben. Seh mich selbst, wie ich vor 5 Jahren genau so dasaß.

Und ich seh, wie weit ich es geschafft habe. Sehe, welche Fortschritte ich eigentlich gemacht habe. Was ich alles kann. Was ich gelernt hab und was man durch viel Übung, training und Kampf wieder erreichen kann.

Jeder Tetra braucht einen Para.
Mittlerweile bin ich diejenige, die allen Kaffee einschenkt. ich durfte jemanden kennen lernen, den ich sehr ins Herz geschlossen habe, den es leider schlimmer erwischt hat. Er kann seine Arme nicht bewegen. Ich hab mir eine Tasse Kaffee eingeschenkt, ihm eine eingeschenkt, einen Strohalm genommen und ihm die Tasse gehalten, so dass er daraus trinken konnte. Ich hab ihm gesagt "Ich weiß nicht, ob ich das kann, kann passieren, dass ich dir den Kaffee drüber schütte" weshalb wir gewartet haben, bis der Kaffee ihn nicht mehr verbrühen würde. Und dann jeden Tag Kaffee zusammen getrunken. Königsdisziplin war dann zusammen Kuchen essen. Aber auch das haben wir hinbekommen.  Jeder Tetra braucht einen Tetra.