Sonntag, 13. Mai 2018

Zicke.

"Nicht alle sind so zickig wie Amelie. Manche sind sogar einfach nur nett. Amelie selbst wünsche ich viel Reife, Empathie und Zufriedenheit."


ich les mir ja hin und wieder Bewertungen zu meinem Buch durch. Und die aller meisten sind wirklich unglaublich süß. Ich bekomm auch immer wieder Nachrichten und freu mich jedes Mal.
Egal ob: dein Buch hat mit gezeigt, wie wenig ich über Querschnitt weiß; dein Buch hat mir geholfen; dein Buch erklärt gut, wie es ist als Rollstuhlfahrern usw. Ich freu mich jedes Mal.

Nur gibt es auch Bewertungen, die mich nicht im positiven Sinn berühren. 
Ich liebe konstruktive Kritik. Ich muss zwar zugeben, ich muss noch lernen mit Kritik umzugehen, das kann ich nach 22 Jahren noch immer nicht wirklich, weil ich mich oft dabei ertappe, wie ich konstruktive Kritik, gutgemeinte Ratschläge usw. persönlich nehme. Aber ich lerne eben noch. 

Deswegen seh ich die meisten kritischen Bemerkungen auch positiv, eben um mich zu Verbessern. Dafür sind sie ja eben auch da. 

Aber. Ich wäre ja nicht ich, wenn ich mich nicht aufregen würde. Mich regt auf, falsch verstanden zu werden. Und noch viel mehr regt mich auf, wenn ich mich nicht rechtfertigen kann. 

Als ich den Kommentar am Anfang das erste Mal gelesen hab, dachte ich mir: Fresse, ich bin nicht zickig. 
Warum nennen einen alle immer "zickig", nur weil man als junge Frau seinen Mund aufmacht.
Man wird als frech, zickig, vorlaut abgestempelt. Nur, weil man jung und weiblich ist. Warum? Ich bin immer respektvoll zu anderen Menschen, nur lass ich mir halt nicht alles gefallen. Und ich sag, wenn mir etwas nicht passt. 
Ich bin nicht zickig. Dachte ich. 

Dann hab ich "zickig" gegoogelt. Und Synonyme: 
aufmüpfig · aufsässig · dickköpfig ·eigensinnig · renitent · respektlos · trotzig ·unartig · unbotmäßig · ungehorsam ·widersetzlich · zickig (ugs.)


Eigensinnig, trotzig, aufmüpfig... joa. würde ich fast so unterstreichen.
respektlos? selten. Wie du mir, so ich dir.
unartig? kommt vor.
ungehorsam? immer. Einfach weil keiner mir vorzuschreiben hat, was ich tun und lassen kann, wenn ich es wirklich nicht will.

All die Worte treffen zu. Aber nicht zickig.

Ich kann mir Vorstellen, warum Leute so denken. Einen hab ich bereits genannt. junge Frau + sagt, wenn ihr etwas nicht passt = zickig. (so denken die meisten der Männer, die noch nie von Emanzipation gehört haben und Frauen, die noch nicht festgestellt haben, dass man nicht mehr brav nach des Mannes pfeife tanzen muss; sorry für den Hass an dieser Stelle, aber ich hab für solche Menschen wenig Verständnis. call me zickig.)
Und: wahrscheinlich bin ich auch selbst Schuld.
und jetzt möchte ich mich eben nochmals rechtfertigen:
Mein Buch/mein Blog handelt gerade von dem Leben als Querschnitt. Und was man da erlebt, macht einen einfach wütend und genau dafür hab ich meinen Blog. Als mein persönliches Ventil. Und auch mein Buch ging um meine Gefühle. Meine Erfahrungen und meine Enttäuschungen.
Ich bin niemand, der sich ständig aufregt. Meistens sind mir Sachen ziemlich egal. Die Mentalität von  einem Papa, der der ausgeglichenste Mensch der Welt ist. Aber. Wenn, ich mich aufrege, dann eben 150%. Und meine Mama kommt durch. Vielleicht denken manche, ich würde mich ständig aufregen, weil sie meinen Blog sehen, und wie ich mich in jedem zweiten Post aufrege und beschwere. Aber die Abstände dazwischen sieht keiner. Wenn es etwas gibt, über das ich mich aufregen kann, dann schreib ich - eben als mein Ventil - darüber in meinem Blog. Das sind die mit durchgehend Rechtschreibung, Grammatikfehlern. Mit Schimpfworten und mit Enttäuschungen. Einfach meine ungefilterten Gedanken.
Wenn etwas schönes passiert, wie eben die ganze Zeit zwischen den Beiträgen, genieß ich den Moment. Hab nicht das Bedürfnis mich auskotzen zu müssen. Und Berichte dann ggf. erst später.
Und die meisten Dinge, die mich aufregen, waren (!) es meine alten Freunde und sind alle anderen Sachen, die mit dem Rollstuhl zusammenhängen. Abgelehnte Anträge, Kampf mit den Kassen, angestarrt werden, unsensibele Menschen. Und genau das ist Querschnitt. Und mein Buch "wie ich mich mit 17 im Rollstuhl wiederfand", ist nichts anderes. Eine Zusammenfassung meines Querschnitts.
Aber das bin nicht nur ich. Ich bin mehr als mein Querschnitt.

Vielleicht hab ich mir eine multiple Persönlichkeit angeeignet. Und das Querschnitt-ich muss einfach zickig sein. Wenn du dich mit einem "abgelehnt" zufrieden gibst, bleibst du eben liegen oder robbst auf dem Boden weiter, weil kein Rollstuhl da ist. Wenn du auf "es gibt eine Schule, die Speziell für dich gemacht ist", nicht mit "Nein, ich will hierbleiben"antwortest, wirst du abgeschoben. Wenn du deinen "Freunden" und Mitmenschen nicht sagst, wie verletzt du bist von dem Verhalten der Freunde, werden sie so weiter machen. Wird der nächste Querschnittgelähmte Wochen lang alleine vor dem Fernseher sitzen und sich freuen, wenn die Schule wieder losgeht, damit wenigstens irgendwas passiert. Gäbe es keine Rollstuhlfahrer, die sagen, dass sie nicht behandelt werden wollen, wie aussätzige. Wir würden alle noch so behandelt werden.

Ich bin froh, dass ich zickig bin.



PS: Ich bin zufrieden. Und Empathie ist ausbaufähig, aber für die richtigen Menschen vorhanden.



Kommentare:

  1. Ich hab dein Buch nicht gelesen, aber jetzt kriege ich richtig Lust drauf. Schön, dass du keine "Heile-Welt-Behinderte" bist, sondern eine eigenständige Persönlichkeit, die ehrlich und ungefiltert ohne den moralischen Zeigefinger aus ihrem Leben berichtet!
    Liebe Grüße von einer anonymen Lisa

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Everybody‘s darling is everybody‘s depp.

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  4. Hallo Amelie,

    wichtig ist nur, was die Menschen die du magst, die dir wichtig sind, von dir denken bzw. von dir halten!

    Der Rest......


    LG und halt die Ohren steif
    Xare

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  5. Amelie, das ist eine Botschaft, die ich mit großer Freude gelesen habe (schon vor Wochen, aber nun möchte ich mich doch noch äußern). Es freut mich zutiefst, wie du deinen rebellischen Geist auslebst - genau dafür ist man im Leben Anfang 20 aufgerufen (später wird das schwieriger - unmöglich ist es allerdings nicht ;-), da darf man es ruhig krachen lassen. Wir beide gehören nicht zur selben Generation (das wirst du geahnt haben), und ich sehe mit Grausen, wie sich ein gesellschaftliches Klima der Konfliktscheu und Aggressionsvermeidung breitmacht (wobei Aggressionen heute offenbar schon da beginnen, wo man sich weigert, jeden noch so mediokren Mist aus vollster Kehle zu bejubeln), das seinen übelsten Ausdruck in der unsäglichen Merkelschen Parole der "Alternativlosigkeit" gefunden hat, die den Menschen das Denken abgewöhnen will, da die Kanzlerin die Wahrheit ja bereits für sich (und uns alle) gepachtet hat.

    In dir stecken eine Menge Aggressionen, und du lieferst gute und nachvollziehbare Gründe dafür, warum das so ist. Das Beste, was du tun kannst ist, sie aus dir rauszulassen, denn sonst explodiert der Kessel irgendwann, und das hat meistens üble Folgen. Es ist gut und richtig und gesund, dich in deinem Blog auszukotzen. Du bist mit 22 definitiv nicht verpflichtet, zu jeder Konfliktlage eine lauwarme Ausgleichsposition einzunehmen. "Ich bin froh, dass ich zickig bin" - das ist genau die richtige Einstellung. Ich bin begeistert, dir dabei zuzusehen, so entschlossen und unbeirrbar gegen den Strom zu schwimmen. Ich bewundere dich für deine mentale Kraft, die sich in deiner Weigerung zu kuschen zeigt.

    Nur in einem Punkt muß ich widersprechen: Du sagst: "Vielleicht denken manche, ich würde mich ständig aufregen, weil sie meinen Blog sehen, und wie ich mich in jedem zweiten Post aufrege und beschwere. Aber die Abstände dazwischen sieht keiner." Das stimmt, und stimmt doch nicht ganz, denn *ich* sehe diese Abstände, und je länger sie sind, umso größere Sorgen mache ich mir. Auf die Idee, daß möglichst große Intervalle ein Indiz dafür sein könnten, daß es dir gerade besonders gut geht, wäre ich im Traum nicht gekommen. Vielen Dank für diese frohe Botschaft, das ist sehr beruhigend.

    Herzliche Grüße, Claus

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