geht's?

Geht's?  Kann ich helfen? Gib her, ich mach das. Geht's? Brauchst du Hilfe? Soll ich das schnell machen? Geht's?


Sätze, die ich jeden Tag höre. Jeden Tag. Mehrmals.

Ich weiß, man darf sich nicht beschweren. Ich weiß, man soll dankbar sein, wenn einem Hilfe angeboten wird. Und lieber einmal zu viel gefragt, als einmal zu wenig. Zumindest allgemein.
Ich weiß, es gibt Menschen, die sich nicht verständigen können und dankbar sind, wenn Hilfe angeboten wird.
Aber ich (und viele anderen Rollstuhlfahrer) haben ein funktionierendes Mundwerk. Ich kann um Hilfe fragen. Theoretisch. Ich würde es nicht tun, aber ich könnte. Bevor ich sterbe würde ich tatsächlich um Hilfe fragen. Bei allem anderen werd ich mir zehn Mal überlegen, ob ich um Hilfe Frage. Keine Hände, keine Kekse. Aber Hilfe anbieten wird immer zu einem "Nein" führen. Bin überzeugter Nein!Was-war-nochmal-die-Frage-Mensch?.
Für mich meistens schlecht, ja. Als Mensch, der oft einfach Hilfe braucht umso schlechter, weil ich oft Dinge nicht mache, einfach weil ich mir nicht helfen lassen will. Was ich allein nicht schaffe, mach ich halt nicht. Lieber nicht machen, als Hilfe annehmen. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich möchte euch zeigen, was die Fragen und das Hilfe anbieten mit mir machen:

zum einen, wäre ich nie im Leben so selbstständig und hätte so viel gelernt, wenn ich mir immer helfen lassen würde. Ja, du bist schneller. Ja, wenn du das kurz machst, geht es schneller. Aber du bist nicht immer da. Ich bin auch alleine und hab niemanden, der mir hilft. Und dann? Dann kann Ichs nicht, weil ich nicht geübt habe.
Es gibt meiner Meinung nach einen erheblichen!! unterschied an Selbstständigkeit zwischen Querschnittgelähmten, die sich gerne und immer helfen lassen und denen, die es selbst versuchen wollen. Aber auch das hab ich schon oft gesagt.

Aber eines, ist mir erst in letzter Zeit klar geworden. Dieses Gefrage und Helfen wollen macht meine Psyche kaputt. Wirklich.
Ich hab Selbstzweifel. Ich denke oft: "ich kann das nicht". Weil mir immer und immer wieder gesagt wird "Komm, ich mach das."
Ich glaube viel meiner Angststörung ist darauf zurück zuführen. Ich hab Versagensängste. Ich werde so nervös, wenn andere Leute um mich sind und ich irgendwas mit meinen Händen machen muss.
Wenn ich beim Arzt meine Karte vorzeigen soll, die ich erst aus meinem Geldbeutel holen muss. Ohne funktionierende Finger dauert das. Und ich seh die Blicke und ich versuche mich extrem zu beeilen, weil ich nicht hören will "komm, ich helfe dir", ich werde nervös, mir wird schwindelig und ich bekomm gar nichts mehr auf die Reihe, sodass ich die Karte gar nicht mehr raus bekomme.

Wenn ich allein bin, mach ich alles in Ruhe. Ich weiß, mir schaut keiner zu, Ich weiß, keiner wird mir plötzlich meinen Geldbeutel aus der Hand reißen und sich die Karte holen. Was schon sehr oft passiert ist.
Ich warte nicht auf ein "Geht's". Ich werde nicht nervös und bekomm Dinge gut hin.
Aber sobald irgendjemand dabei ist, werd ich nervös. Ich will schnell machen, will kein "geht's" hören.

Mittlerweile kann ich am Supermarkt nicht mehr zahlen. Ich bin schon davor so nervös und hab Panikattacken. Ich bin froh, dass ich mittlerweile in den Supermarkt kann ohne extreme Panikattacken. Aber trotzdem. Jedes Mal, wenn ich nach etwas im Regal greife höre ich "Gehts? kann ich helfen?" und werde nervös.
Wenn ich allein bin, hatte ich lange mit Panikattacken zu kämpfen. Ich konnte nicht mehr alleine Biken. Wenn ich allein im Supermarkt war, hab ich eine Panikattacke bekommen. Wenn ich gewusst hab "ich muss beim Arzt gleich meine Karte vorzeigen", ist mir schwindelig geworden. Ich hab das jemand anders machen lassen. Ich kann vieles aus Angst nicht mehr.
Und wisst ihr was meiner Meinung nach ein erheblicher Auslöser dafür ist?
Geht's?  Kann ich helfen? Gib her, ich mach das. Geht's? Brauchst du Hilfe? Soll ich das schnell machen? Geht's?
Und zwar auch bei Dinge, die ich leicht kann, die bei mir einfach nur länger dauern oder anders aussehen, als bei anderen. Deine Karte aus der Geldbörse zu holen, ohne die Finger zu bewegen, sieht eben anders aus. Schreiben sieht anders aus. Jacke anziehen sieht anders aus und dauert alles länger.

Wenn du immer gefragt wirst, ob man dir helfen kann, denkt dir dein Unterbewusstsein doch irgendwann: "ok, ich kann das wohl nicht alleine"
Wenn du immer gesagt bekommst, du kannst es nicht, zweifelst du irgendwann an dir. Und wenn du 6 Jahre immer wieder hörst "Gib her, ich mach das" damit also: gib her, du kannst das nicht, was bleibt dir anderes übrig als das zu manifestieren und dir unterbewusst zu denken: ich kann das nicht alleine.


Ich wusste mal, dass ich es kann. Ich will mir wieder klar machen, dass ich es alleine kann. Ich weiß, dass es nett gemeint ist. Aber ihr müsst auch verstehen, was es in mir auslöst und ein Nein akzeptieren können.










Kommentare

  1. Fuck. Sachen nicht machen können obwohl man es eigentlich könnte. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht.

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  2. Mega schwierig :/ sowas prägt sich extrem ins Unterbewusstsein ein und irgendwann traut man sich kaum noch etwas zu, wird unsicher usw, weil man für sich übernommen hat, dass man dies oder jenes nicht kann. Einerseits setzt man sich unter Druck und will sich und den anderen das Gegenteil beweisen, gleichzeitig hat man Angst, dass es sich bewahrheitet, Dinge nicht klappen und man sich dann noch mal weniger zutraut.
    Ich möchte nicht sagen, dass ich relaten kann, weil unsere Situationen nicht vergleichbar sind, aber als jemand, der Dyspraxie hat, habe ich mich in ein paar Beschreibungen wiedererkannt und möchte mich bedanken, dass du den Struggle so gut auf den Punkt gebracht hast.^^"
    Wünsche dir auf jeden Fall viel Kraft und mehr Leute mit common sense in deinem Umfeld. <3

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  3. Diese Erfahrungen habe ich auch gemacht nach einem Unfall vor 2 Jahren. Am schlimmsten fand ich, wenn mir Leute ungefragt geholfen haben, z. B. im Krankenhaus den Rollstuhl in den Aufzug geschoben haben und ich habe das nicht sehen können und hatte mal wieder die Finger in den Speichen. Ich musste so oft diskutieren, dass ich BITTE keine Hilfe brauche, weil ich üben wollte, was ich kann, wenn niemand da ist. Immer wieder bin ich auf Unverständnis gestoßen und würde sogar als undankbar bezeichnet. Diese Frage: "Geht's?" Oh mann, wie ich sie hasse!! Am besten mit so einem mitleidigen Unterton..
    Liebe Amelie, seit 2 Jahren lese ich still Deinen Blog und schreibe zum ersten Mal überhaupt irgendwo einen Kommentar. Vielen Dank für Deine offenen Worte, die mir schon oft aus der Seele gesprochen haben. Vermutlich hast Du viel mehr als 10 Leser, manche fühlen sich (wie ich bisher) einfach still mit Dir verbunden ..

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  4. Ich finde das ehrlich gesagt nicht ganz so einfach. Wenn ich jemanden auf der Straße sehe mit ner Karte/Handy, der irgendwas sucht oder einen anderen Rennradfahrer, der ne Panne hat und flickt usw., dann frage ich den/die ja auch, ob ich irgendwie helfen kann oder ob er/sie was braucht usw.
    Leuten Hilfe anzubieten ist ja nicht unbedingt ne Degradierung sondern sollte doch selbstverständlich sein in einem sozialen Gefüge. Aufeinander achten, sich unterstützen und füreinander da sein passiert viel zu selten und da spielt es, finde ich, gar keine Rolle, ob jemand im Rolli sitzt oder nicht oder blind ist oder was weiß ich was.

    Nervt vermutlich wenn man ständig gefragt wird aber wenn ich "Kommste klar" sage und jemand sagt "passt schon", dann ist doch alles prima. Aber zuzugucken, wie sich jemand abmüht ist irgendwie auch ne Form von Diskriminierung, wenn man jedem anderen Hilfe anbieten würde.

    Außerdem, wenn ich das vielleicht auch noch offen sagen darf, würds mich auch ganz schön nerven, wenn ich beim Arzt in der Schlange stehe und vielleicht noch andere Termine hab usw. und da fummelt jemand ewig die Karte aus der Geldbörse und kommt nicht weiter (Sorry aber ist so und würde mich auch bei jedem anderen nerven).

    Liebe Grüße!

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  5. Hallo Amelie,

    ...du hast doch (auch dir) schon bewiesen, dass du die beschriebenen Sachen alle kannst und dass du auch weiterhin neues dazulernst, ich würde mir da keinen druck machen.... und dass fremde Leute zwar hilfsbereit sein wollen aber dabei unüberlegt handeln, mach ihnen dafür keinen Vorwurf und dir selbst auch nicht ..und wenn dir jemand unaufgefordert helfen will, dann nutze dein Kommunikationstalent (das du mehr hast als viel Andere) und sag der Person (je nach Situation) mit deinen Worten, dass du es selbst machen willst.




    P.S. Mir gefällt der Blog so

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  6. Hallo Amelie,

    Ungeduld von anderen kann einen schon in den Wahnsinn treiben. Und das schreibe ich als nicht-behinderter. Daher ist mir auch bewusst dass "in den Wahnsinn treiben" in Deiner Situation arg untertrieben, fast schon unangemessen ist.

    Die Leute um Dich herum sehen einen Menschen, der etwas nicht kann, obwohl er es kann! Sie lassen Dir einfach keine Zeit.
    Damit sind sie das Problem - und nicht etwa Du.

    Wenn Du an der Supermarktkasse zahlst, dann ist das DEIN persönlicher Deal mit Aldi und Co, in den sich andere gefälligst nicht reinzumischen haben!
    Die Karte wird von DIR verlangt und nicht von anderen Patienten.

    Die Tatsache, dass DU zahlst und DU die Karte überreichst ist also abstrakt gesehen eine Lösung, an der Du 100% Anteil hast. Und wie Du das löst, ist Deine Sache! Das geht andere nix an.

    Das Problem der Anderen ist aber, wie ja erwähnt, eine Ungeduld die gerade zu greifbar ist oder sich sogar übergriffig bemerkbar macht, indem man Dir das "abnimmt". Aber diese Ungeduld entsteht auch durch Unwissen.

    Nun ist nicht alles was hinkt, ein Vergleich aber hier mal versuchsweise ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn ich einen Stau fahre, bleibe ich erst mal stehen, bin gespannt und hoffe, dass er sich bald auflöst. Wenn nun aber nichts passiert, werde ich unruhig. Und nach jeder Minute die vergeht, werde ich unruhiger
    Je länger so was dauert, desto mehr Autofahrer um mich herum versuchen sich dann in Idioten-Aktionen wie Fahren auf dem Standstreifen etc...
    Teilt mir mein Navi aber mit, dass ich jetzt 20 Minuten länger brauche, dann kann ich damit umgehen: Ich weiss, dass ich warten muss, aber ich weiss auch, dass es vorbei geht. Und schon bin ich entspannter.
    Selbst bei stundenlangen Autbahnsperren habe ich dann um mich herum eher Fahrer erlebt die extrem locker reagiert haben: Geraucht, geratscht, spazieren gegangen... Mit dem Handy die Termine geregelt, alles cool.

    Das heißt, nicht die verlorene Zeit ist für andere das Problem, sondern die Frage, wann Man/Frau wieder in Aktion treten und sich als Herr der Lage fühlen kann.

    Möglicherweise hilft daher einfach die Offensive: "So. Das dauert jetzt ein Bisschen.". Punkt. Großer Punkt.
    Oder Du setzt einen Zeitrahmen: "Ich brauch jetzt X Minuten. " Punkt. Großer Punkt. Dann kann die Arzthelferin ggf. etwas anders machen oder in der Zwischenzeit jemand andern vornehmen.

    Ausserdem siehst Du klasse aus und hast Style! (Siehe Instagram) Da kannste Dir ggf. auch noch ein wenig Divatum heraus nehmen ;-)

    Weiss auch, dass gut gemeinte Ratschläge nicht unmittelbar helfen, wenn überhaupt, aber drücke Dir äusserst fest die Daumen, dass Du da rauskommst.
    Langsam - aber sicher ;-)

    Beste Grüße

    Michael

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  7. Wenn du mal etwas nicht schaffst, wird dir bestimmt gerne jemand helfen.

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  8. Liebe Amelie,

    Auch ich bin eine stille Leserin deines Blogs.

    Ich meine, wir Rollstuhlfahrer*innen sollten zwei Arten der Hilfe unterscheiden und angemessen reagieren.
    Freundliche Fragen, ohne was anzufassen, wie "Kann ich ihnen helfen?" freundlich beantworten mit sowas wie "nein danke, ich kann's alleine "
    Übergriffige Fragen dagegen, bei den einem was aus der Hand genommen wird, wie "gibt her, kannst eh nicht" vertragen wütendes Fauchen so etwa "ich kanns alleine, musst halt warten"

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  9. Liebe Amelie,

    Auweia, dieses ewige "gib her - kannst eh nicht - ich mach das Mal schnell" hathat Dir ernsthafte und ernst zu nehmende Angststörungen verursacht.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, Sätze wie "nimm's nicht ernst, die Leute wollen nur helfen" oder auch "wehr dich, bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen" helfen überhaupt nicht.

    ich würde Dir gerne helfen. Stell Dir vor, zwei Rollis im Supermarkt, die fingerunfitte (Du) angelt die Waren ausm Regal, kramt an der Kasse die EC-Karte hervor, während der andere Rolli alle übergriffigen Hilfsangebote anfaucht. ��

    Das Beste um Deine Ängste zu bewältigen wäre natürlich sicher ein e gute Psychotherapie.

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  10. Portemonnaie aus der Hand nehmen geht ja man gar nicht...

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